Fallstudie: Telearbeit bei der Stadt Wien

 

Einführung

Die Stadt Wien ist mit etwa 70.000 Angestellten einer der größten Arbeitgeber Österreichs. Sie ist sich ihrer Verantwortung ihren „Kunden" - den Einwohnern Wien - gegenüber bewußt und beabsichtigt daher ihre Verwaltung in ein „Kunden-Dienstleistungsunternehmen" umzuwandeln und sich in Richtung verstärkter Kundenorientierung zu entwickeln. D.h. daß einige Mitarbeitergruppen dazu aufgefordert werden, die Art und Weise ihrer Aufgabenerfüllung, ihr Denken insgesamt zu verändern und sich somit den neuen Herausforderungen des Marktes zu stellen. Die Modifikation von Regulationen und Vorgaben (sowohl die formalen wie auch die impliziten, „ungeschriebenen" Bestimmungen) kann ein sinnvoller Weg sein, um die Angestellten und die Organisation insgesamt zur Akzeptanz der Änderungen zu zwingen.

Telearbeit kann auch einen Umbruch für alle Beteiligten einleiten, zum einen für die Bürger einen sichtlichen Nutzen bringen, zum anderen die Angestellten stärker motivieren, die Manager bei der Entwicklung von Führungsqualitäten unterstützen und der Organisation ermöglichen, ihre Arbeitsabläufe zeitgemäß an die modernen Technologien und die Einflüsse der Informationsgesellschaft anzupassen.

Nach diesen Überlegungen beschloß die Stadt Wien, von den praktischen Erfahrungen mit Telearbeit in der Stadtverwaltung zu profitieren. Es mag ungewöhnlich erscheinen, daß ein Telearbeitprojekt auf höchster Ebene „top-down" initiiert wurde und nicht infolge von Druck auf Arbeitnehmerseite bzw. den Gewerkschaften.

Die Regierung verpflichtete sich in Form einer allgemeinen Stellungnahme, daß „Telearbeit überall dort eingeführt werden soll, wo sie für die Stadt Wien einen Nutzen aufweist". Die Konzentration auf die Arbeitnehmerinteressen erscheint sehr einseitig, doch die Stadt ist bemüht darauf hinzuweisen, daß sie dem Steuerzahler und im Hinblick auf die Verwendung von Steuergeldern Rechenschaft schuldig ist.

 

Relevante Faktoren für Telearbeit

Die folgenden fünf Hauptfaktoren betrachtet man als entscheidend für den Erfolg für Telearbeit:

 

Technologie

Die Technologie ist ein essentieller, im Prozeß der Einführung von Telearbeit aber meist zuletzt thematisierte Faktor. In Wien gab es keinerlei technische Probleme, was die Datenleitungen, ihre Verbindungen und die Installation von PCs in den Privaträumen anbelangt. Die zu Hause verwendete Technologie entsprach der im Firmenbüro, mit gleichem PC und Drucker. Im Fall, daß der Telearbeiter bereits über einen privaten PC mit dem erforderlichen Qualitäts- und Produktstandard wie die Firmenausstattung verfügte, konnte dieser benutzt werden. Gemäß dem gegenwärtigen Stand der technischen Entwicklung bedeutete dies: ein PentiumPC oder Notebook, Zweikanal-Datenleitung zu HICOM oder ISDN, ein Laserdrucker und bestimmte Sicherheitsvorkehrungen.

 

Organisation

Der Entwurf einer Vereinbarung wurde gemeinsam von Personalleitung, der Controlling-Abteilung, verschiedenen Rechtsabteilungen, der strategischen EDV-Abteilung des Stadtrates und den Abteilungen, in welchen Telearbeit beginnen sollte, erarbeitet. Das Einverständnis der Gewerkschaften lag vor und zudem wurden die Telearbeitserfahrungen anderer Firmen bzw. Verwaltungen mit berücksichtigt. Gegenwärtig muß die Vereinbarung noch vom Stadtdirektor genehmigt werden.

Die hierin aufgegriffenen Aspekte waren vor allem:

Die Haltung der Stadtratsabteilungen und der Gewerkschaft differieren zum Teil ganz erheblich. Die Gewerkschaft - wie es ihre Aufgabe und Pflicht ist - bezieht in der Diskussion eine eher formale Position zur Sicherung der Rechte und des Status des Telearbeiters und verwahrt sich gegen die Einführung von Telearbeit als Pilotprojekt, das dann - möglicherweise als Präzedenzfall herangezogen - den eigentlichen Interessen der Arbeitnehmer diametral entgegengesetzt ist. Die Stadtverwaltung hat eine pragmatischere Sicht und plädiert für die praktische Implementation des Pilotprojektes, sobald die wichtigsten Fragen beantwortet sind. Sie vertraten die unvoreingenommene Ansicht, daß alle Gesetze und Regulationen für den „gewöhnlichen Beschäftigten" - soweit technisch möglich - ebenso für den Telearbeiter gelten: In rechtlicher Hinsicht sollten keine Unterschiede zwischen Telearbeitern und firmeninternen Angestellten gemacht werden. Es wurde ferner vereinbart, daß Telearbeit in Form eines Pilotprojektes eingeführt werden soll - unabhängig vom künftigen Einsatz von Telearbeit in größerem Ausmaß oder in anderer Form bei der Stadt Wien.

Betont werden soll auch die Feststellung der Stadtverwaltung, das Vorhandensein von Vertrauen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer sei die Grundvoraussetzung für einen guten Verhältnis. Ohne das Vertrauen in ein öffentliches Management derartiger Größe - mit einer enormen Zahl an Beschäftigten und so vielen, höchst unterschiedlichen Aufgaben - wäre diese angesichts der notwendigen vielfältigen Kontrollen paralysiert und handlungsunfähig.

 

Vereinbarung

 

Auswahl der Telearbeiter

Aus unterschiedlichen Gründen wählte man primär Mitarbeiter der EDV-Abteilung für die Teilnahme am Pilotprojekt aus.

Informationstechnologien besitzen schon lange eine effektive Funktion in der Stadt Wien. Die EDV-Abteilung wurde in den frühen Sechzigern gegründet, einige der dort entwickelten Softwareprogramme sind von so guter Qualität, daß sie weitgehend noch heute eingesetzt werden. Alle der etwas mehr als siebzig Abteilungen der Stadtverwaltung arbeiten mindestens mit Bürokommunikationsprogrammen, die meisten darüber hinaus mit aufgabenspezifischen Anwendungen. Dennoch zeigte es sich, daß für die Teilnahme am Telearbeitprojekt überdurchschnittlich gute Kenntnisse der theoretischen Grundlagen wie auch des praktischen Gebrauchs von Computern vorauszusetzen waren, und daher bot sich die bevorzugte Auswahl von EDV-Mitarbeitern an.

Ein weiterer Grund für die Konzentration auf die EDV-Abteilung war die Tatsache, daß das Management insgesamt - und notwendigerweise - Neuerungen gegenüber prinzipiell offen und zudem an ergebnisorientiertes Arbeiten (einem weiteren unverzichtbaren Kriterium von Telearbeit) gewöhnt ist. Um es noch einmal zu wiederholen: das vornehmliche Ziel bestand für die Stadt Wien darin, alle Beschäftigten und Abteilungen so schnell wie möglich „telearbeitsfähig" zu machen, gleichgültig ob diese sofort im Anschluß praktiziert wird oder nicht.

 

Überwachung der Arbeitseffizienz

Alle Angestellten der EDV-Abteilung sind ausdrücklich zur Dokumentation der Arbeitsabläufe und der Beachtung von Fristen angehalten. In dieser Hinsicht ist es also irrelevant, ob die Arbeit zu Hause oder innerhalb der Büroräume erledigt wird. Die Arbeitsleistung wird in beiden Fällen anhand der selben Instrumente überprüft.

 

Arbeitsaufgabe

Entsprechend der üblichen Arbeitsaufgaben in der EDV-Abteilung handelte es sich bei den Telearbeitern um Programmierer, Systemprogrammierer und EDV-Organisatoren; einige von ihnen Manager und Seniorchefs, die Managementaufgaben wie Personalplanung, E-mail-Korrespondenz, Schreiben von Berichten, strategische Planung etc.wahrnehmen.

Da alle EDV-Mitarbeiter an die Erstellung spezieller Dokumentationen für die Ermittlung von Projektkosten gewöhnt waren, ergaben sich in diesem Punkt keinerlei Veränderungen oder Mehrarbeit für die erforderlichen Telearbeitsreporte.

 

Die Arbeitsumgebung

Die Datensicherheit ist insbesondere in der EDV-Abteilung ein unverzichtbares Grundprinzip und nimmt natürlich im Fall der Arbeit mit Firmendaten außerhalb der Firmenräumlichkeiten noch an Bedeutung zu. Die Stadtverwaltung hat hierzu einige Schritte unternommen, um eine bestmögliche Sicherung am Telearbeitsplatz gewährleisten zu können, mit Hilfe der Installation eines speziellen Softwareprogrammes und der Einführung von bestimmten Sicherheitsvorschriften für Telearbeit. Der Telearbeiter muß zudem die gleichen Sicherheitsmaßnahmen beachten wie die Kollegen im Büro.

Die Zustimmung der Familienmitglieder zur häuslichen Telearbeit ist ein weiterer entscheidender Faktor. Kleine Kinder können beispielsweise einer konzentrierten Arbeit hinderlich sein, wenn sie den mehr oder weniger offensichtlichen Bedarf nach Ungestörtheit nicht respektieren (können). In der Tat wurden einige weibliche Teilnehmer zur Teilnahme zugelassen, da sie die Hoffnung hatten, so ihre Arbeit besser mit der Betreuung von Kindern vereinbaren zu können. Ob sich dies in der Praxis als richtig erweisen wird, wird im Rahmen des Pilotprojektes weiter zu verfolgen sein.

Der für die Telearbeit vorgesehene Raum muß ruhig, eine Lärmbelästigung ausgeschlossen sein. In bezug auf Aspekte wie Belüftung, Beleuchtung, Größe des Raums, Arbeitstisch und -stuhl und Heizung entspricht die Telearbeitsvereinbarungen den Bestimmungen des Arbeitsschutzgesetzes. Der Lebensstandard der Teilnehmer war im allgemeinen relativ hoch; mehr als drei Viertel von ihnen hatte einen telarbeit-geeigneten Arbeitsraum, so daß sich die Schaffung eines abgetrennten Arbeitsbereiches dann erübrigte.

 

Das Individuum

Die Stadt Wien vertritt die Überzeugung, daß die beteiligten Individuen der ausschlaggebende Faktor für den Erfolge oder Mißerfolg des Telearbeitsprojektes sind.

Das Prinzip der Freiwilligkeit von Telearbeit ist ganz wesentlich für eine Einführung, es war daher Bestandteil der Philosophie von Personalabteilungen und Gewerkschaften.

Die zweite entscheidende Voraussetzung ist die Eignung des Individuums für Telearbeit, nicht nur hinsichtlich der zu erledigenden Arbeitsaufgabe, sondern ebenso in bezug auf das häusliche Umfeld und die Arbeitsleistung der vergangenen Jahre.

Die Fähigkeit zum Zeitmanagement ist ein weiteres Erfordernis für den Telemitarbeiter. Der Arbeitgeber darf eine gewisse Effizienzsteigerung durch Telearbeit als Ergebnis der getätigten Investitionen erwarten. Dies läßt sich allerdings nur dann feststellen, wenn der einzelne Arbeitnehmer die vorgesehene Arbeitszeit sinnvoll nutzt.

Selbstdisziplin gehört zu den notwendigen Tugenden des Telearbeiters - nicht so sehr im Hinblick auf die zu erfüllende Aufgabe als vielmehr im Umgang mit der Versuchung, seine Arbeitsstunden auszuweiten. Unternehmen mit praktischer Erfahrung mit Telearbeit warnen vor der Gefahr der Selbstausbeutung als eine der größten Gefahren im Bereich Telearbeit. Telearbeiter identifizieren sich oftmals sehr stark mit ihrer Arbeit und sind über die gesetzten Arbeitsziele hinaus an ihr interessiert. Insbesondere die EDV-Programmierer war ausgesprochen stark engagiert. Die Grenze zwischen Telearbeit und Freizeit aber sollte ganz klar gezogen und eingehalten werden. Infolgedessen muß es sich bei dem Telearbeiter um eine vernünftige Person mit einem gut entwickelten Verantwortungsgefühl handeln.

Unter allen erforderlichen Qualitäten sicherlich die wichtigste ist eine außerordentliche Kommunikationsfähigkeit. Der Telearbeiter muß unbedingt seine Position in der Arbeitsgruppe behalten, um weiterhin Teil der Arbeitswelt seiner Organisation zu sein und die menschlichen Kontakte und sozialen Beziehungen zu bewahren - ein essentielles Grundbedürfnis des Menschen. Zusammenfassend kann festgehalten werden, daß die Kommunikationsfähigkeit als wesentliches Charakteristikum des Menschen mit der Verbesserung der technischen Möglichkeiten immer unverzichtbarer wird.



Copyright © 1998 , MIRTI Consortium ® Alle Rechte geschützt