Fallstudie: Telehaus Wetter (Hessen)
(Karin Haider)

Einleitung

Das Telehaus Wetter befindet sich in einer ländlichen Gegend in Mittelhessen, nahe der Universitätsstadt Marburg. In Wetter besteht - wie in vielen anderen ländlichen Städten der Umgebung - insbesondere für Frauen ein deutlicher Mangel an qualifizierten Arbeitsplätzen, die die folgenden Voraussetzungen erfüllen:

Auf der anderen Seite gibt es eine Vielzahl von hochqualifizierten Frauen in der Region, die eine Arbeit suchen, jedoch keine geeignete Möglichkeit finden können. Sehr häufig können sie attraktive Arbeitsangebote nicht annehmen, da sie weiterhin ihre Kinder betreuen müssen und demnach nicht den ganzen Tag außer Haus sein können. Zudem ist die Beförderung von Pendlern meist unzureichend. Um jeden Tag die Strecke zwischen dem Arbeitsplatz in der Stadt und dem Wohnort zurückzulegen, müßten diese Frauen ein eigenes Fahrzeug besitzen. Angesichts des geringen Einkommens vieler Familien mit einem Alleinverdiener ist die Anschaffung eines Zweitwagens aber häufig nicht finanzierbar.

Auf diesem Hintergrund entwickelten 1992 einige Frauen des Büros der Frauenbeauftragten des Landkreises Marburg-Biedenkopf die Idee, die Potentiale der Informations- und Kommunikationstechnologien hierfür nutzbar zu machen. Sie beabsichtigten, die dezentralisierenden Funktionen dieser Technologien zu verwenden, um so Frauen in ländlichen Regionen in der Nähe Marburgs zu unterstützen. Mit Hilfe von Computern und E-mail sollte die Arbeit nun in Form von Telearbeit zu den Menschen gebracht werden und nicht - wie bisher - umgekehrt.

Hinsichtlich der Aufgaben des Arbeitsmarktes und der Strukturpolitik formulierte das Büro der Frauenbeauftragten des Landkreises Marburg-Biedenkopf die nachstehenden Ziele für das Telehaus Wetter:

  • Schaffung qualifizierter Arbeitsplätze in der Nähe des Wohnortes, die einen gewissen Grad an Souveränität in bezug auf die Arbeitszeit für die Arbeitnehmer garantiert,
  • Bindung der Menschen an ihre Region und Stärkung regionaler, ökonomischer Strukturen durch Nutzung der Qualifikation der Frauen und Einrichtung moderner Dienstleistungen,
  • Verlagerung der Arbeit von der Stadt in ländliche Regionen, um eine ausgeglichene Verteilung der Arbeitsplätze zu erreichen,
  • darüber hinaus sind ökologische Ziele relevant, beispielsweise eine Senkung des Pendelverkehrs innerhalb überfüllter Regionen.

Mitarbeiter und Finanzierung

Die Belegschaft des Telehauses Wetter setzt sich aus 12 Frauen zusammen, die an drei verschiedenen Orten tätig sind : drei von ihnen arbeiten in einem Satellitenbüro in Marburg-Cappel, drei andere in einem Satellitenbüro in Marburg-Stadtwald und die restlichen 6 im TeleTraining Center in Wetter, dem zentralen Büro des Telehauses Wetter. Abend wird das Büro in Marburg-Stadtwald zusätzlich als Trainingsraum genutzt.

Die Gründung des Telehauses Wetter war vor allem dank der finanziellen Unterstützung verschiedener Sponsoren möglich geworden: der größte Anteil der erforderlichen Mittel wurde vom Ministerium für Frauen, Arbeit und Sozialordnung des Bundeslandes Hessen aufgebracht. Im Rahmen des "Hessenstrukturprogramms zur Erschließung innovativer Arbeitsfelder für Frauen im ländlichen Raum" förderte das Ministerium das Telehausprojekt über einen Zeitraum von zwei Jahren, beginnend 1994, bis Ende 1995. Somit war eine solide finanzielle Basis sichergestellt.

Weitere Hilfestellung wurde von verschiedenen Institutionen angeboten:

vom Amt für Regionalentwicklung, Landschaftspflege und Landwirtschaft innerhalb ländlicher Regionalprogramme, dem Landkreis Marburg-Biedenkopf, der von Anfang an mit finanzieller und gründlicher beratender Hilfestellung beteiligt war und dem Wirtschaftsministerium, das die nötigen finanziellen Mittel zur Verfügung stellte, um das Trainingszentrum zu errichten.

Auf der Grundlage dieser fundierten Ressourcen wurde das Telehaus Wetter schließlich im März 1994 mit damals 13 Mitarbeitern eröffnet. Seit Anfang 1996 sind diese öffentlichen Fördermaßnahmen jedoch beendet, so daß sich das Telehaus nunmehr selbst tragen muß (bis auf ein weiteres öffentlich finanziertes Projekt speziell für behinderte Frauen, Teleoffice).

Angebotene Dienstleistungen

Das Telehaus Wetter stellt Dienstleistungen in drei verschiedenen Gebieten bereit:

  • Bürokommunikation:
    Telefon (Beratung bei Fragen zu Kommunikationslösungen, ISDN, E-mail, Empfang von Telefonanrufen, Übermittlung von Telefonanrufen, Informationsdienstleistungen); Telefax (Empfang, Entsendung/Lieferung, Hotline); Vorbereitung und Umgang mit Geschäftskorrespondenz (Angebote, Berichte, Verträge, Aufträge. Schreiben nach Kassette, Diktat, Stichwörtern, Vorlage, Adressenverwaltung, Druck von Listen und Adressaufklebern, Laserdruck, Art und Umfang nach Wunsch).

  • Marketingdienstleistungen:
    Mailing (Zielgruppenanalyse, Klassifizierung des Adreßmaterials, Aufbau, Wartung und Auswahl der Datenbanken. Konzept, Text, Anordnung, Serienbriefe. Schreiben, Falten, Eintüten und Verschicken); Telefonmarketing (Televerkauf, Unterstützung von Außendienstmitarbeitern, Management auf Zeit, Einladungen, Workshops, Ergebniskontrolle), nach Verkaufserfolg (Betreuung von Kunden, Verwaltung von Beschwerden, Info-Hotline).

  • Sogenannte 'spezielle Telehausdienstleistungen':
    Marketing (Entwicklung neuer Konzepte, Aktivierung von Geschäftsbeziehungen), Public Relations (Entwurf von Booklets, Papieren, Flugblättern, Verfassen eines passenden Textes, Beratung bei und Durchführung von Public-Relation-Maßnahmen), Graphik (Layout, Logos, Homepage für das World Wide Web), Aus- und Weiterbildung (individuelle Weiterbildung bei der Arbeit, Seminare zum Thema Computer, Marketing und Kommunikation), Beratung bei der Entwicklung von Teledienstleistungszentren, Verleih von Laptops und PCs, Kopierdienstleistungen, etc.)

Gegenwärtig stellen die fünf Teilnehmer des TELEOFFICE ein Handbuch über weiblichen Experten für Beratung und Aus-/Weiterbildung her ("Expertinnenhandbuch für Unternehmensberatung und Training"). Parallel dazu arbeiten sie im Telehaus Wetter in den Bereichen Bürokommunikation, Telefonmarketing, Graphikdesign und Verwaltung von Computertraining.

Teleoffice wird von der Europäischen Union, dem Land Hessen und dem Landkreis Marburg-Biedenkopf unterstützt. Löhne und Ausstattung der fünf dort beschäftigten behinderten Frauen werden über dieses Projekt finanziert.

Die europäischen Projektpartner von TELEOFFICE sind: Skelmersdale College, Großbritannien, BEST-Training GmbH, Österreich, Europäisches Bildungswerk in Brandenburg, Deutschland, CFUI TEC-TRAIN, Italien.

Regulation und Verträge: Arbeitszeit

Die Angestellten des Telehauses Wetter sind mit verschiedenen Vertragsformen beschäftigt, einige von ihnen in Vollzeit-, andere in Teilzeittätigkeit. Diejenigen mit Teilzeitverträgen arbeiten durchschnittlich 25 und 30 Stunden wöchentlich. Die Kernarbeitszeit liegt zwischen 9 Uhr und 16 Uhr. Während dieses Zeitraums muß mindestens eine Person an jedem der drei Arbeitsorte verfügbar sein. Darüber hinaus - Vereinbarungen mit Kollegen sind hierbei erforderlich - ist eine Arbeitszeitverteilung gemäß individueller Ansprüche möglich. Die Dokumentation der Arbeitszeit wird von den Frauen des Telehauses Wetter eigenständig erstellt. Lediglich die Mitglieder der Bürokommunikationsdienstleistungen müssen zu festen Arbeitszeiten anwesend sein.

Die im Telehaus Wetter beschäftigten Frauen dokumentieren ihre Arbeitsstunden selbständig.

Arbeitsorganisation/Kommunikation

Je nach Bedarf kommen die Mitarbeiter der drei Arbeitsorte ein- bis zweimal pro Woche zu einem persönlichen Treffen zusammen. Sie treffen sich im Telehaus Wetter, um Themen und Probleme des gemeinsamen Interesses zu diskutieren. Im Verlauf der Woche zusätzlich auftauchende Fragen müssen telefonisch geklärt werden.

Die Kommunikation mit Kunden/Angestellten findet mittels E-mail, Fax und Telefon statt. Die notwendige technische Ausstattung für E-mail ist nur in Marburg-Cappel vorhanden (Bürokommunikation). Daher muß jeglicher elektronischer Datentransfer über dieses Büro organisiert werden.

Gesetzliche Aspekte

Telehaus Wetter ist ein eingetragener Verein namens "Verein für Frauenbildung, Arbeit und Regionalentwicklung (VeFAR) e.V.". Schriftführerin des Vereins ist die Frauenbeauftragte des Landkreises Marburg-Biedenkopf.

Alle Belegschaftsmitglieder sind Angestellte des Vereins. Der Finanzierungsplan der Arbeitsplätze ist jedoch unterschiedlich. Acht Frauen arbeiten mit zeitlich begrenzten Verträgen, die anteilig vom Arbeitsamt (als ABM-Maßnahme) finanziert werden. Die übrigen haben unbegrenzte Verträge. Betrachtet man die Vielzahl von Aufträgen, so scheint es durchaus möglich, daß die befristeten Verträge nach Ablauf des Unterstützungsprogramms in unbegrenzte umgewandelt werden.

Technische Aspekte

Die technische Ausstattung des Telehauses Wetter besteht aus den folgenden Elementen:

ISDN-Telekommunikationsausstattung, Telefax, PCs (486,586), Scanner, Laser- und Farbdrucker, Kopierstation, Ausstattung für Thermobindung, Kassettenrecorder und Laptops.

Die Räumlichkeiten in Marburg-Cappel sind zudem mit sämtlichen technischen Geräten für elektronischen Datentransfer über längere Entfernungen ausgerüstet.

Darüber hinaus ist auch ein Computer mit Blindenschrift vorhanden, der von einer blinden Mitarbeiterin innerhalb des TELEOFFICE-Projektes benutzt wird und ein Bildschirm mit großer Zeichendarstellung, die einer Kollegin mit einer Augenbehinderung die Arbeit erlaubt.



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