Fallstudie: Die Stadt Rom
Einleitung
An der im Juli 1996 begonnenen Kurzzeiterprobung von Telearbeit, ihren Technologien und Methoden waren zahlreiche Angestellte der Stadt Rom beteiligt. Fünfzig Mitarbeiter aus zehn unterschiedlichen Verwaltungsbereichen der Stadt waren durchschnittlich ein oder zwei Tage in der Woche als Telearbeiter beschäftigt. Die Mehrzahl (75%) arbeitete von zu Hause aus. Eine kleinere Gruppe war in einem Telezentrum (5%) tätig, praktizierte Mobilarbeit (5%) oder aber nutzte eine Kombination verschiedener Telearbeitsformen (15%). Von den insgesamt 1000 beobachteten Arbeitstagen wurden 400 in Form von Telearbeit und 600 traditionell im Firmenbüro erbracht.
Das Programm stellte einen wichtigen institutionellen Präzedenzfall dar, da es sich um die erste derartige Erprobung in einer öffentlichen Verwaltung Italiens handelte.
Das 1996 implementierte Pilotprojekt war das Ergebnis einer Zusammenarbeit der Stadt Rom mit einem Konsortium aus Forschungseinrichtungen, welche das EU-geförderte Projekt Roma Tra.De durchführten. Die Initiative Roma Tra.De. (Traffic Decongestion Teleworking Programme) analysierte - als Teil des LIFE-Programmes - die möglichen Auswirkungen von Telearbeit in einer Öffentlichen Verwaltung Roms, um die Auswirkungen auf den Verkehr und eine mögliche Verkehrsreduzierung im Zentrum zu untersuchen und somit eine Verbesserung der städtischen Lebensqualität zu erreichen. Die beteiligten Institutionen waren Innova Int., S3Acta, Ugo Bordini und DS Graphics Engineering.
1995 erarbeiteten die Roma Tra.De-Partner in der ersten Projektphase eine Ursprung-Ziel-Matrix der Pendlerströme, die zunächst die Bewegungen in den wichtigsten Stadtteilen miteinander vergleichen sollte. Anfänglich wurde die Befürchtung geäußert, man gelange aus institutionellen Gründen nicht zur Fortführung eines konkreten Telearbeitprojekts, um die Hypothesen überprüfen zu können.
Glücklicherweise erwies sich dies als unbegründet, und man war in der Lage, eine Erprobung von Telearbeit umzusetzen. Zu verdanken ist diese Tatsache in besonderem Maße dem Interesse und der Unterstützung des Ratsherren für Rechtspolitik, der seit Sommer 1995 als Vermittler zwischen Roma Tra.De und der Stadt fungierte und Anfang 1996 dem Rat einen Vorschlag in Form der Arbeit Approvazione Linea di Sperimentazione di Techniche e Metodi del Telelavoro per il Progetto Europeo Roma Tra.De („Vorschlag für ein Pilotprojekt hinsichtlich Technik und Methoden von Telearbeit für das europäische Projekt Roma Tra.De") vorlegte. Das Interesse der Medien an dem Thema Telearbeit war bereits geweckt worden, zum Teil dank einer Rede des Bürgermeisters der Stadt Rom anläßlich der internationalen Telework '95 Konferenz im November 1995 in der Stadt und infolge einer Präsentation des Roma Tra.De in der Stadthalle Roms einen Monat zuvor.
Der Ratsherr für Rechtspolitik bezog den Ratsherren für Personal- und Beschäftigungspolitik in die Vorbereitungen des Projektes mit ein und die Stadt erteilte die formale Zustimmung für die Erprobung im Juli 1996 (Ratsbeschluß 2479/96), zu diesem Zeitpunkt war die Initiative bereits angelaufen. Die Partnerorganisationen übernahmen die Kontrolle der Auswirkungen des Projekts auf die Umwelt.
In diesem Zusammenhang muß darauf hingewiesen werden, daß das römische Telearbeitsprojekt durchgesetzt werden konnte, obwohl die bestehenden Standardverträge im öffentlichen Dienst in Italien keine Rahmenbedingungen für Telearbeit formulieren. In vielen Punkten ist eine dezentrale Tätigkeit und kontinuierliche Arbeit von zu Hause aus nach diesem Rahmenbedingungen nicht gestattet, und tatsächlich hat die kürzliche Einführung von elektronischen Kontrollsystemen zur Überwachung der Arbeitszeit die traditionellen Vereinbarungen für Öffentliche Bedienstete gestützt, zu festgesetzten Zeiten an bestimmten Orten zu arbeiten. Die neuen Technologien fördern demnach nicht nur die Flexibilität, sondern verstärken darüber hinaus ganz wesentlich die Restriktionen und Kontrollen in der Arbeitsorganisation.
Diese Vereinbarungen sind auch eine Beleg dafür, daß die rechtliche Grundlage für Telearbeitsvorhaben im Bereich öffentlicher Dienstleistungen höchst unklar ist, wenn derartige Vorhaben überhaupt zulässig sind.
Beginn des Telearbeitsprojekts
Die fünfzig Angestellte wiesen unterschiedlichste berufliche Voraussetzungen auf: 20 Personen aus der Stadtverwaltung, 10 Archäologen, 7 Soziologen, 4 Kulturbeauftragte, 4 Zeichner, 2 Ingenieure und 3 Computeroperator. Ausgewählt worden waren sie von den direkten Vorgesetzten und wenngleich sie unter unterschiedlichen Gründen der Teilnahme zugestimmt hatten, zeigten alle eine große Bereitschaft zu autonomem Arbeiten und eigenverantwortlicher Arbeitsgestaltung. Um als Teilnehmer angenommen werden, mußten sie in einer bestimmten Entfernung vom Büro leben, Kenntnisse im Umgang mit Datenverarbeitungsprogrammen und Arbeitsaufgaben mit eindeutigen und nachprüfbaren Inhalten erfüllen.
Vereinbarungen in bezug auf Leistungsbemessung und Arbeitsorganisation für Telearbeit wurden individuell zwischen dem einzelnen Arbeitnehmer und dem direkten Vorgesetzten getroffen. Die Auswahl der Teilnehmer erfolgte mehr oder weniger willkürlich, und dieses Vorgehen spiegelt sich auch in der mangelhaften Publikmachung des Projektes. In zwei Fällen wurde die Erlaubnis vom direkten Vorgesetzten zurückgenommen, um Konflikte zu vermeiden.
Die Tätigkeiten, die für die außerbetriebliche Arbeit ausgewählt worden sind, waren beispielsweise: Sammlung des Kulturerbes, Entwicklung von Anwenderdatenverarbeitung, Zusammenstellung von Dokumenten und Berichten, technische Zeichnungen, Überwachung von Umweltdaten. Sie sind keinen verfahrenstechnischen Einschränkungen unterworfen und können daher auch off-line durchgeführt werden, die Festsetzung erfolgt anhand der Möglichkeiten der Produktivitätssteigerung.
Natürlich konnten nicht alle Arbeitsfelder, die sich grundsätzlich für dezentrale Telearbeit eignen, im Rahmen dieses Projektes berücksichtigt werden.
Meist wurde die Telearbeit von zu Hause aus geleistet, gleichwohl bot man als alternative Möglichkeit die Nutzung eines von dem Roma Tra.De -Konsortium betriebenen Telezentrums an. Der überwiegende Teil der Arbeit aber wurde unverändert am gewohnten Arbeitsplatz im Büro erledigt.
Die formale Organisation des Experiments
Die Resolution 2479/96 der Stadt, welche die Entwicklung eines Pilotprojektes zu Telearbeit billigt, formulierte auch Rahmenbedingungen für das Programm, mit dem ausdrücklichen Verweis auf die Bedeutung für die Umwelt und in Verbindung mit dem Roma Tra.De-Projekt, das der Rat bereits zu unterstützen bereit war. In zwei Rundschreiben wurden die Abteilungsleiter und das Hauptpersonalbüro über den Beschluß und die Inhalte des geplanten Projektes informiert und zur Teilnahme eingeladen. Hierbei wurde keine Verpflichtung ausgesprochen, sondern vielmehr lediglich Vorschläge, daß Telearbeit für offline-Arbeiten und Aufgaben in Verbindung mit zuvor definierten Projekten geeignet ist.
Die Rundschreiben dienten auch der Bekanntmachung des Projektes, sie hoben den Pioniercharakter des Vorhabens der Stadt Rom besonders hervor.
Die Personalabteilung selbst war aktiv an dem Programm beteiligt, sechs ihrer Mitarbeiter befanden sich unter den Projektteilnehmern. Eine Arbeitsgruppe wurde gebildet, um eine Analyse des Fortschritts des Projektes vorzunehmen und dann zusammen mit dem Roma Tra.De-Konsortium einen Abschlußbericht nach Ablauf der Pilotphase zu verfassen. Die Arbeitsgruppe traf regelmäßig im Büro des Ratsherren zusammen, das auch als zentraler Ort für den Austausch zwischen allen beteiligten Gruppen diente.
Billigung der Kontrollinstitutionen, aber keine Zustimmung der Gewerkschaften
Die Zustimmung der Stadt Rom im Juli 1996 wurde nicht zuletzt deshalb erreicht, weil man ausdrücklich auf den experimentellen Charakter des Telearbeitprogrammes, die damit einhergehende zeitliche Begrenzung und die nicht anfallenden zusätzlichen Kosten für die Verwaltung verweisen konnte.
Der Kontakt mit den Gewerkschaftsvertretern diente eher einem Informationsaustausch und der Kommunikation als der formalen Verhandlung. Verschiedene Anliegen ließen sich auf informellem Weg klären: so etwa die Streichung der Auflage, daß die Arbeitsausführung des Telearbeiters Gegenstand einer auswertenden Analyse wird, wie es die eigentliche Vorschlag formulierte.
Die Gewerkschaftsvertreter hatten Vorbehalte der Vereinbarung gegenüber, allerdings ohne formal in den Gestaltungsprozeß einzugreifen (im Fall von CGIL). Der unabhängige Gewerkschaftsbund begnügte sich mit einer Erklärung, in welcher er seine ablehnende Haltung erläuterte. Die Gewerkschaften behielten sich das Recht, Kritik an künftigen Vereinbarungen üben zu können, vor, und es war vorhersehbar, daß sich die Verhandlungen bei jeglicher weiteren Telearbeitsinitiative komplizierter gestalten würden.
Einige Gesichtspunkte, die sich im Zusammenhang mit den Verhandlungen ergeben haben (wie beispielsweise Isolation des Arbeitnehmers, Kontrolle der Arbeitsergebnisse, Akkordarbeit, Verringerung der Beschäftigungsgarantien und Schutz der Arbeitnehmerrechte, Restrukturierung von Arbeitsprozessen und Globalisierung der Arbeitsmärkte) wurden in bezug auf das Telearbeitprojekt nicht näher diskutiert. Starke Ablehnung erfuhr die Idee der Heimarbeit, man sprach sich vielmehr dafür aus, Telearbeit sollte nur im Fall eines zur Verfügung stehenden Telezentrums gestattet werden.
Trotz dieser Kritik griffen die Gewerkschaften jedoch die heikeltsten Punkte der umgesetzten Lösungen auf formaler Ebene nicht an (z. B. Nutzung der persönlichen Ausstattung, fehlende gesetzliche Versicherung der zu hause ausgeführten Telearbeit etc.).
Einverständnis der Geschäftsleitung
Der Standpunkt der Geschäftsleitung war ambivalent; sie interessierte sich vor allem für ihre Verantwortlichkeit im Hinblick auf die Erlaubnis, Arbeit außerhalb der Firmenräume auszuführen, die Möglichkeiten, bei der Auswahl der Telearbeiter mitbestimmen zu können und die Steuerungsmöglichkeiten in Form indirekter Kontrolle und Überwachung der dezentral tätigen Mitarbeiter.
Die interne Thematisierung von Telearbeit innerhalb der Stadt wurde durch ein öffentliches Seminar (im Oktober 1996) begleitet. Im Anschluß wurde eine Kerngruppe von Managern gegründet, die sich für das Projekt einsetzen wollten.
Auswertung des Projektes
Umweltschutzziele und das Roma Tra.De Projekt im europäischen Kontext sind in sämtlichen öffentlichen Kommunikationsnetzen thematisiert worden, die die Entwicklung des Projektes mit großem Interesse mit verfolgten.
Die Verwaltung reduzierte gleichwohl die wissenschaftlich ausgerichtete Methodik des Programms. Insbesondere die zunächst formulierte sehr rationale Systematisierung der beruflichen Qualifikationen der auszuwählenden Teilnehmer erwies sich als wenig sinnvoll und wurde daher aufgegeben. Infolgedessen fehlte ein wissenschaftlicher Ansatz in der Konzeption, während die Teilnehmer dagegen beispielsweise umfangreiche Formulare bezüglich ihrer Arbeitszeitplans und Fahrtzeiten ausfüllen mußten.
Erst im Verlauf des letzten Jahres waren die Berater und Forscher in der Lage, mit der Verwaltung in Dialog zu treten. Darüber hinaus sind sie sich hierbei des Gewichts der institutionellen Probleme angesichts des Programmes und der Bemühungen der Stadt Rom um seine Umsetzung bewußt geworden.
Die Stadt Rom entschied sich für eine Fortführung des Telearbeitsprogrammes, ohne die aufgetretenen technologischen und organisatorischen Fragen detaillierter zu erforschen. Die wahrscheinlich entscheidenden Erfolgsfaktoren des Experiments stellten die Flexibilität und eine Identifikation mit den Lösungsansätzen dar. Dies bestätigt die Hypothese, daß in dieser Phase mitunter eine praktische Umsetzung der sich bietenden Möglichkeiten einer abstrakten Planung vorzuziehen ist.
Obwohl das Telearbeitprojekt vorab nicht präzise ausgearbeitet worden war, konnte man eine deutliche Verbesserung bei der Implementation konstatieren. Am Ende der ersten Projektphase fehlte „wissenschaftliches" Datenmaterial für eine angemessene methologische Betrachtung. Daher erscheint es einleuchtend, daß man in einem intelligenten, für Fernarbeit praktikablen Arbeitsprogramm Modelle auf Mikroebene sowie ein organisches Wachstum favorisieren wird.
Künftiges Vorgehen
Seit der Beendigung des Pilotprojektes 1996 diskutiert man in der römischen Stadtregierung Wege für die Entwicklung neuer und umfassender Telearbeitsprogramme. Im Februar 1997 billigte der zuständige Rat einen Vorschlag zu „Neuen Strategien für die Erprobung von Telearbeit in der Verwaltung". Gleichzeitig haben die nationale Regierung und die Gewerkschaften im März eine Vereinbarung erarbeitet, welche die Einführung von Flexibilität im öffentlichen Bereich und erstmalig die Erprobung von Telearbeit in der öffentlichen Verwaltung regelt. Dabei handelt es sich um das Papier zu Beschäftigung im Öffentlichen Dienst, vom Minister für öffentliche Angelegenheiten und den Gewerkschaften unterzeichnet.
Die geplanten Verhandlungen zwischen der Stadt und den Gewerkschaften kam aber 1997 nicht so recht in Gang. Das lag nicht an einem mangelnden Konsens im Anschluß an das erste Pilotprojekt, sondern eher an fehlenden Impulsen, was teilweise durch die resignative Haltung der Personalverantwortlichen in Schlüsselpositionen und teilweise durch bürokratische Trägheit verursacht wurde. Darüber hinaus wurden die Kommunalwahlen im November 1997 als Katalysator für die zu vermutende künftige Strategie eingestuft.
Unterdessen hatte sich die Stadt Rom auf die Unterstützung bei der Entwicklung von Telearbeit in KMU und für Individuen konzentriert.
Zu dieser Zeit wurde auch das Rome Nexus Projekt eingeleitet. Es beinhaltet ein Abkommen der Verkabelung des gesamten Stadtbereiches und wird außerordentlich wichtig für die Entwicklung der Infrastruktur, die den Weg für künftige Telearbeitsprogramme auf einem hohem technischen Niveau bereitet. Die Vereinbarung zwischen der Stadt und Telcom Italia impliziert Pläne für eine Vi
elzahl an Telezentren, in denen Teledienstleistungen für Firmen, Selbständige und öffentliche Organisationen angeboten werden können Das erste Telezentrum des vorgeschlagenen Netzwerkes wurde von Telecom Italia im Oktober 1997 eröffnet. Eine Untersuchung der Auswirkungen dieser Entwicklungen scheint gegenwärtig noch verfrüht. Dennoch beinhalten die angebotenen Dienstleistungen dieser Telezentren zweifellos beträchtliche Potentiale.
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