Fallstudie: IBM Österreich
(Paul Kolm und Kollegen)
 

Telearbeit besitzt bei IBM Österreich eine lange Tradition. Bereits in den frühen Achtzigern gab es für Mitarbeiter aus den Bereichen technische Dienstleistungen und Rechenzentrum die Möglichkeit, von entfernten bzw. häuslichen Terminals Zugang zum Zentralrechner zu erhalten, um so ihre Arbeitsaufgaben auch außerhalb der Firma erfüllen zu können. Alle Arbeitsaktivitäten konnten zufriedenstellend von diesem Terminalplätzen aus begleitet werden.
Anfang 1994 entschied sich das Management von IBM Österreich, ein Pilotprojekt mit Verkaufsangestellten zu beginnen. Die angenommene größere Mobilität und zeitliche Unabhängigkeit der Mitarbeiter sollte zu steigender Produktivität und Motivation der Beteiligten und infolgedessen verbesserter Kundenzufriedenheit führen
Zwischen November 1994 und Ende 1996 waren 26 Angestellte von IBM Österreich an dem Telearbeitsprojekt beteiligt. Die sozialen Auswirkungen wurden mit Hilfe einer begleitenden Studie ausgewertet, durchgeführt von einer wissenschaftlichen Gruppe des Instituts für Wirkungs- und Gestaltungsforschung der Technischen Hochschule Wien unter der Leitung von Dr. Paul Kolm. Im folgenden wird eine Zusammenfassung der Resultate geliefert.
 

Gründe für die Teilnahme am Pilotprojekt

Prinzipiell war kaum eine ausdrückliche Ermutigung der teilnehmenden Angestellten notwendig. Vor allem die drei nachstehenden Motivationen lassen sich unterscheiden:

Überdies sprach eine bestimmte Gruppe die Hoffnung aus, die als zu hoch betrachtete Arbeitslast (und somit auch die Arbeitszeit) lasse sich reduzieren, sie wiesen auf den zunehmenden Mangel an Personalressourcen innerhalb der Firma hin.
 

Untersuchung der Bedeutung alternierender Telearbeit/Arbeit im Firmenbüro

Das Konzept der häuslichen Arbeit wurde als praktizierbar und im Einklang mit den modernen technischen Standards stehend eingestuft. Dennoch wurde wiederholt der Wunsch nach einer Festlegung von Regulativen und einer Umwandlung in stärker bindende Vereinbarungen angeführt.

 
Akzeptanz im Firmenbüro

Außerbetriebliche Arbeit könnte längerfristig betrachtet zu der Einführung stärker formalisierter Prozesse führen, diese jedoch würden der Firmentradion von IBM widersprechen. In den Abteilungen des Unternehmens hat sich im Gegenteil eine bewußt gepflegte Kultur der Spontaneität und persönlichen Kommunikation etabliert. Daher stieß Telearbeit, welche eher als Form der Einsparung von Ressourcen und Büroräumen begriffen wurde, auf eine ambivalente Beurteilung vieler Arbeitnehmer.

Für Gleitzeitmitarbeiter entstanden keinerlei praktische Probleme bezüglich der Akzeptanz durch die Firmenkollegen, solange die normale Arbeitsroutine hiervon nicht berührt war.
Häusliche Telearbeit könnte zu Skepsis bei den Kollegen innerhalb der Firma, hinsichtlich der tatsächlich zu Hause erbrachten Arbeitsleistung führen. Wenn im Firmenbüro Engpässe bewältigt werden müssen, kann die Abwesenheit des Telemitarbeiters als zusätzliche Last empfunden werden und zu Konflikten führen.

In der Konsequenz könnten Vorschläge zur Einführung neuer Arbeitsformen auf Kritik und Ablehnung bei Kollegen und Vorgesetzten stoßen. Im Gegensatz dazu äußerten Kunden oder andere Außenstehende keine Einwände und bewerteten die Telearbeitsregelung positiv.
 

Auswirkungen auf das Privatleben 

In einer frühen Projektphase erwarteten beinahe alle Teilnehmer eine bessere Vereinbarkeit zwischen Berufs- und Privatleben, die Umsetzung dieses Zieles erwies sich gleichwohl als problematischer als gedacht.
Eine Flexibilisierung der Arbeitszeit sollte bedeuten, daß vor allem während der Woche mehr Zeit für die Familie zur Verfügung steht. Trotzdem sind die organisatorischen Anstrengungen zur Erreichung dieses Zieles mitunter äußerst aufwendig. Die Arbeit besitzt erste Priorität, daher muß sich der Telearbeiter für die Dauer seines Arbeitstages von dem familiären Leben zurückziehen. Familienmitgliedern aber kann es schwerfallen, diese Situation zu akzeptieren. Oder der Partner kann sich dazu verpflichtet fühlen, den Telearbeiter zu unterstützen und folglich in der Organisation des eigenen Alltags gestört sein.
Interessanterweise kann man feststellen, daß eine kleine Minderheit potentieller Telearbeiter die Aufnahme der häuslichen Tätigkeit letztlich doch ablehnte. Diese Gruppe argumentiert dann, daß die strikte Trennung zwischen Arbeits- und Privatleben der traditionellen Beschäftigung eine hohe Wertigkeit besitze.

 
Organisatorische Aspekt

Es zeichnete sich eine bemerkenswerte Tendenz zur Verlagerung von Aktivitäten ab, die eine eigenständige Erledigung erlauben und durch intensives, ungestörtes und konsequentes Arbeiten charakterisiert sind, ab. Kommunikation und Kooperation findet nach wie vor hauptsächlich im Firmenbüro statt. Es lassen sich verschiedene Formen von Telearbeit unterscheiden:

 
Regulierung und Dokumentation der Arbeitszeit

Im allgemeinen ist die geleistete Arbeitszeit selbst kaum relevant, da für die untersuchten Gruppen Erfolgsorientierung und eigenverantwortliche Arbeitsgestaltung die entscheidenden Kriterien darstellen. Die Erfassung der geleisteten Arbeitszeit sowohl im Firmenbüro wie am häuslichen Arbeitsplatz wird vornehmlich aus rechtlichen Gründen durchgeführt. Eine strikte Kontrolle der Arbeitszeit kann die Geschäftstransaktionen und die Erfüllung der Kundenwünsche behindern.

 
Organisation im Firmenbüro

Vor Beginn des Pilotprojektes diskutierten die ausgewählten Teilnehmer, ob die neue Arbeitsform nicht zwangsläufig neue Mitarbeiter erfordere, die für die Unterstützung der Telearbeitnehmer verantwortlich wären. Im Hinblick auf den insgesamt hohen Arbeitsdruck und die seltene Anwendung konsequenter Telearbeit wurde dieser Vorschlag nicht weiter verfolgt. Die betroffenen Arbeitnehmer wurden sehr schnell vertraut mit den normalen tagtäglichen Arbeitsprozessen, so daß sich eine besondere Betreuung der Telearbeiter als unnötig erwies. 

 
Notwendige (versicherungs-)rechtliche Regelungen 

Das Pilotprojekt wurde in Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat durchgeführt, gemeinsam erarbeitete man einen Vorschlag für eine Betriebsvereinbarung. Dieser Vorschlag warf wichtige Fragen betreffs der Arbeitszeit auf, wurde jedoch von den Betroffenen wegen der bereits bestehenden Diskrepanz zwischen der Regulierung von Arbeitszeit und tatsächlicher Arbeitszeit und der Angst eingeschränkter Flexibilität nicht akzeptiert. Schließlich kam man überein, basierend auf den allgemeinen Rahmenbedingungen für Teleheimarbeit individuelle Abstimmungen mit dem zuständigen Vorgesetzten zuzulassen. An dem bestehenden Arbeitsverhältnis hingegen änderte sich nichts.

Wenig Aufmerksamkeit schenkte man den gesetzlichen und sozialversicherungsrechtlichen Aspekten und die Befragungen zu diesem Thema erwiesen sich als ergebnislos. Die Untersuchung kam zusammenfassend zu folgenden Tendenzen:

 
Technologische Ausstattung und Installation 

Zunächst einmal mußten alle Teilnehmer des Projektes mit Laptop-Computern ausgestattet werden. Die Verbindung mit dem betriebseigenen Intranet wurde über Modem und Telefon hergestellt. In einer der beiden teilnehmenden Abteilungen wurden die Telearbeiter über den Hauptrechner ohne Rückruffunktion und ohne Zugang zu den PC-LANs von Abteilung und Firma angebunden. In der zweiten Abteilung verfügten die Telearbeiter über einen LAN-Remote Server innerhalb der Abteilung mit Rückruf-Funktion und mit der zusätzlichen Zugriffsmöglichkeit auf sämtliche Firmennetzwerke. Die Idee der Einrichtung einer separaten Geschäftsleitung für das Telefon wurde angeführt, aber nicht weiter verfolgt. Diese Absprachen sollten in erster Linie von den Telearbeitern selbst organisiert werden.

Telefonkontakt

Die Frage, auf welche Art und Weise die Telefonkontakte der Telemitarbeiter organisiert werden sollen, stellte sich im Verlauf des Pilotprojektes als vieldiskutiertes und heikles Thema heraus. Dennoch konnte man nicht zu einem Konsens gelangen. Zweifellos ist das Telefon nach wie vor das hauptsächliche Medium zur Kommunikation räumlich voneinander entfernter Menschen.

Gegen Ende des Projektes schließlich unternahm man einen ersten Schritt zur Konfliktlösung, indem man die in der Firma eingehenden Anrufe an die Privatleitung des Telemitarbeiters umleitete. Nach einiger Zeit konstatierten die Telearbeiter die Notwendigkeit von drei einzelnen Telefonleitungen am häuslichen Arbeitsplatz: eine für private Anrufe, eine zur Datenübermittlung und eine dritte als Geschäftsleitung (oftmals ein Mobiltelefon).

 
Infrastruktur und Ausstattung des häuslichen Arbeitsplatzes und Kostenerstattung

Zu Anfang des Projektes bestanden keine eindeutigen Vereinbarungen hinsichtlich einer Absprache bzw. Festsetzung von Zahlungen. Das Management war insgesamt um eine Minimierung von Kosten bemüht.

Wie sich gezeigt hat, beinhaltet die erforderliche Ausstattung eines Telearbeiters, die vom Unternehmen bezahlt wird, einen Laptop, eine Modemkarte und eine zusätzliche Telefonleitung (wobei letzteres nicht immer installiert wurde). Im weiteren Verlauf erhielten einige der Teilnehmer darüber hinaus einen Drucker, ein Fax und ein Mobiltelefon.
Es fand keinerlei Überprüfung der Eignung der Privaträume als Arbeitsplatz statt ( vor allem in bezug auf Aspekte wie Raum, Mobiliar, Sicherheit und Ergonomie). Aus dem gleichen Grund sind auch keine Vereinbarungen zur Erstattung von Kosten für die Nutzung der Räume der Mitarbeiter getroffen worden. Sowohl Einkommen als auch Lebensstandard der ausgewählten Telearbeiter war ausnahmslos hoch, und diese trugen freiwillig die entstehenden Mehrkosten selbst.

 
Technische Unterstützung am häuslichen Arbeitsplatz

Um es noch einmal zusammenzufassen:

 
Ökonomische Aspekte

Da die Firma keine Überwachung der Kosten während des Telearbeitsprojektes durchführte, beruhen die nachstehenden Anmerkungen auf den subjektiven Einschätzungen der Teilnehmer.
Die einzigen unmittelbar erkennbaren Ausgaben waren die Telefonkosten, die von den verschiedenen Beteiligten höchst unterschiedlich bewertet wurden. Den nur selten zu Hause tätigen Mitarbeiter erschienen die Mehrkosten sehr hoch. Im Gegensatz dazu bezeichneten die häufiger zu Hause arbeitenden die entstehenden Telefonkosten eher als akzeptabel.

 
Regulationsanforderungen: Zusammenfassung

Im folgenden werden die wesentlichen Ergebnisse und Analysen der empirischen Erhebung knapp zusammengefaßt. Es muß ausdrücklich darauf hingewiesen werden, daß aufgrund der Begrenzung des Pilotprojektes auf zwei Verkaufsbereiche keine Aussage hinsichtlich der Situation und des Potentials des gesamten Betriebes formuliert werden kann.

 
Zukunftsperspektiven

Wenn außerbetriebliche Arbeit als voll integrierte Arbeitsform im weiteren Projektverlauf eingeführt werden soll, dann müssen korrekte Regulationsvereinbarungen formuliert werden. Eine derartige Vereinbarung könnte die folgenden Punkte beinhalten: